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KMU-Insolvenzen in Österreich

Österreich liegt im europäischen Insolvenzranking unter den TOP 3 — mit einem Anstieg der Firmenpleiten um 23 % im Jahr 2023. Was steckt dahinter, welche Branchen sind am stärksten betroffen und warum sind KMU besonders vulnerabel?

Quellen: Wallner (2025) Masterarbeit · Wallner (2023) Bachelorarbeit · KSV1870 · Eurostat (2025)
+23 %Insolvenzanstieg Österreich 2023
TOP 3EU-Ranking Insolvenzanstieg
−26,9 %Eis EK-Quote insolv. Bau-KMU
54 %5-Jahres-Überlebensrate (EU: 46 %)
Entwicklung 2003–2024

Der Trend: Steigende Insolvenzen seit COVID

Nach dem künstlichen Rückgang während der Pandemie (staatliche Stützungsmaßnahmen) stiegen die Insolvenzen seit 2022 stark an — auf ein Niveau über dem Vor-Corona-Durchschnitt.

Unternehmensinsolvenzen in Österreich 2003–2025
Nicht eröffnete und eröffnete Insolvenzverfahren · Quelle: Wallner (2025) · KSV1870

1.0002.0003.0004.000200320052007200920112013201520172019202120232025COVIDNachholeffekt

Nicht eröffnet

Eröffnet (Normal)

Nicht eröffnet (COVID)

Eröffnet (Nachholeffekt)

Die COVID-Pandemie führte paradoxerweise zu einem temporären Rückgang der Insolvenzen — staatliche Hilfsmaßnahmen und Stundungsmöglichkeiten hielten viele angeschlagene Unternehmen künstlich am Leben. Seit 2022 holt die Realität die Wirtschaft ein: Die aufgestauten Insolvenzen entladen sich mit Verzögerung, verstärkt durch steigende Energiekosten, Inflation und den Wegfall von Unterstützungsmaßnahmen.

Der Weg in die Insolvenz

Krisen entstehen nicht über Nacht

Unternehmensinsolvenzen sind selten plötzliche Ereignisse — sie entwickeln sich typischerweise über Jahre. Die Forschung unterscheidet fünf Krisenphasen. (Wallner 2023, Bachelorarbeit)

Strat.
Strategiekrise
Fehlorientierung, verpasste Trends, strategische Fehlentscheidungen
Erfolg
Erfolgskrise
Sinkendes EBIT, Rückgang der Rentabilität, erste Verluste
Liquid.
Liquiditätskrise
Zahlungsverzögerungen, Kreditlimits erreicht, Lieferanten-Druck
Bilanz
Bilanzkrise
Ø EK-Quote: −26,9 %
Überschuldung, negatives Eigenkapital — rechtliche Insolvenzgründe
Insolv.
Insolvenz
Konkurs- oder Sanierungsverfahren eröffnet
01
Interne Ursachen
Managementfehler und fehlende Fachkompetenz zählen zu den häufigsten Ursachen — insbesondere in Bereichen Buchhaltung und Finanzmanagement, die in KMU oft von Nicht-Spezialisten geführt werden. Hinzu kommen strategische Fehlentscheidungen, mangelnde Anpassungsfähigkeit und übermäßige Abhängigkeit von Schlüsselpersonen.
02
Externe Ursachen
Makroökonomische Schocks (Inflation, Energiekrise, Rezession), verschärfte Kreditbedingungen, sinkende Nachfrage und geopolitische Unsicherheiten treffen KMU besonders hart — sie verfügen über weniger Reserven als Großunternehmen und können externe Stöße schlechter abfedern.
03
Strukturelle KMU-Schwächen
Begrenzte Kapitalausstattung, geringe finanzielle Transparenz, eingeschränkter Zugang zu Fremdkapital und fehlende Wirtschaftsprüfer-testierte Abschlüsse machen KMU besonders vulnerabel. 92 % sind Kleinstbetriebe — ohne ausreichende Rücklagen für Krisenzeiten.
04
Liquiditätsengpässe
Zahlungsverzögerungen von Kunden (40 % der KMU betroffen, EU: 39 %), gekoppelt mit eingeschränkten Finanzierungsmöglichkeiten, führen rasch zur Zahlungsunfähigkeit — dem häufigsten formalen Insolvenzgrund in Österreich.
Branchen im Fokus

Welche Branchen sind am stärksten betroffen?

Die Insolvenzanfälligkeit variiert stark nach Branche. Der Bausektor und die Gastronomie zählen dauerhaft zu den Risikofeldern. Quelle: Wallner (2025) Masterarbeit · KSV1870-Datensatz 1996–2023.

Branche
Relative Insolvenzhäufigkeit
Risiko
Bau & Baunebengewerbe
HOCH
Beherbergung & Gastronomie
HOCH
Handel (Einzel- & Großhandel)
MITTEL
Transport & Verkehr
MITTEL
Wirtschaftsnahe Dienstleistungen
MITTEL
Herstellung von Waren
GERING
Information & Kommunikation
GERING

Hinweis: Relative Einstufung auf Basis der Branchenanalyse des KSV1870-Datensatzes (Wallner 2025). Absolutzahlen variieren je nach Branchengröße.

Folgen

Was passiert wenn ein KMU insolvent wird?

Insolvenzen treffen nicht nur die betroffenen Unternehmer — sie haben weitreichende Folgen für Gläubiger, Beschäftigte und die regionale Wirtschaft. (Wallner 2023)

Für Gläubiger

Kreditausfallrisiken

Banken und Lieferanten verlieren oft den Großteil ihrer Forderungen. Kreditinstitute müssen erhöhte Wertberichtigungen bilden. Lieferanten erleiden Zahlungsausfälle, die ihre eigene Liquidität gefährden können.

Für Beschäftigte

Jobverluste & Unsicherheit

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verlieren ihren Arbeitsplatz, oft mit kurzer Vorwarnzeit. Ausstehende Löhne werden durch den Insolvenz-Entgelt-Fonds abgesichert — jedoch nur begrenzt und mit Verzögerung.

Für die Wirtschaft

Regionale Ketteneffekte

Insbesondere in strukturschwachen Regionen können Insolvenzen lokaler KMU zu Kettenreaktionen führen. 705.000 Arbeitsplätze stehen allein bei den nächsten Unternehmensübergaben auf dem Spiel.

Österreich im EU-Vergleich

Insolvenzentwicklung Europa 2023

Österreich lag 2023 beim Insolvenzanstieg unter den höchsten Werten Europas — während andere Länder wie Malta eine deutlich positivere Entwicklung verzeichneten.

Land Insolvenzveränderung 2023 Neugründungsveränderung Bewertung
Schweden +30,0 % +1,6 % Kritisch
Österreich +23,2 % −4,7 % TOP 3 Europa
Deutschland +20,2 % −12,4 % Kritisch
Frankreich +17,4 % +5,7 % Angespannt
Italien +19,0 % +3,3 % Angespannt
Niederlande +30,3 % −4,1 % Kritisch
Irland +0,0 % +32,1 % Stabil
Malta −65,4 % k.A. Sehr positiv

Quelle: Eurostat (2025) · Wallner (2025) Masterarbeit

Forschungsansatz

Wie können Insolvenzen frühzeitig erkannt werden?

Frühzeitige Identifikation von Insolvenzen ist für Unternehmen, Banken und Politik von zentraler Bedeutung — genau hier setzt die Insolvenzprognoseforschung an.

Unser Forschungsprojekt entwickelt Prognosemodelle für österreichische Bau-KMU

Auf Basis von 24.894 Unternehmen und 1.990 Insolvenzfällen (KSV1870, 1996–2023) werden klassische statistische Methoden und Machine-Learning-Ansätze systematisch verglichen — über vier Prognosezeiträume (1 Jahr bis 10 Jahre vor Insolvenz).

Zu den Forschungsergebnissen →

„Die steigende Zahl an Unternehmensinsolvenzen seit der COVID-19-Pandemie unterstreicht die Relevanz präziser Prognoseinstrumente, die spezifisch auf KMU ausgerichtet sind.“

Wallner (2025): Masterarbeit · FH Oberösterreich · Campus Steyr
SMEDefault Prediction

Datengetriebene Kreditausfallprognose für nicht-börsennotierte österreichische KMU — OeNB Jubiläumsfonds.

Laufzeit 2025–2028
OeNB Jubiläumsfonds
FH OÖ · Campus Steyr
Partner
OeNB
Österr. Nationalbank
Fördergeber
KSV
KSV1870
Praxispartner
FH
FH Oberösterreich
Campus Steyr
Kontakt
Projektleiter
FH-Prof. Mag. Dr. Stefan Fink
Team
Sarah Wallner, MA
Prof. Dr. Lisa Perkhofer
FH-Prof MMag. Dr. Susanne Leitner-Hanetseder
Institution
FH OÖ · Campus Steyr · CRF
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